Sie hockten sich etwas abseits des Lagers in einem Kreis zusammen. Blasse Gesichter, unruhige Augen. John nahm einen der langen, biegsamen Stöcke der niedrigen Vegetation und begann damit, die Umrisse des behelfsmäßigen Lagers in den ockerfarbenen Staub zu kritzeln.
»Ich hab das mal gesehen, in so ’nem Holovid«, sprudelte es unvermittelt aus Shakey raus.
»Was?«
»Da sind Leute verschleppt worden. In die Wälder. Und nachher hat man auch nur Leichen oben in den Bäumen gefunden. Und als sie Marines hinterher geschickt haben, wurden die abgemetzelt, einer nach dem anderen.«
»Und?«, fragte Bull trocken, obwohl bereits klar war, worauf die Geschichte hinauslief.
»Mann, das waren Aliens. So riesige Viecher, mit Klauen, und die hatten so Rüssel am Maul. Die haben die Menschen zum Ausbluten aufgehängt, damit sie besser die Gedärme fressen können. War echt eklig.«
Shakeys Gesicht zeigte, dass er es ernst meinte, trotz der Zuckungen seines linken Auges, die ihn so wirken ließen, als zwinkere er permanent jemandem zu.
John seufzte. Er sah die besorgten Blicke seiner Leute. Nur Jaime und Bull sahen aus wie immer.
Bei Bull lag es daran, dass seine Hybrid-Gesichtszüge nicht gut damit umgehen konnten, wenn er Gefühle hatte.
Und bei Jamie war John unsicher, ob sie überhaupt Gefühle hatte.
»Halt die Klappe, Shakey«, knurrte er schließlich.
»Aber Boss, wenn ich es doch sage. Das hier ist genau wie in dem Film.«
»Du sagst es selbst: Film. Das hier ist aber die Wirklichkeit, klar? Wir sind keine Pappkameraden mit Kanonen aus Plastik, sondern Soldaten. Das echte Ding. Also halt die Klappe, du Wichser.«
Eigentlich hatte er den Piloten nur zurechtweisen wollen, aber die fast schon greifbare Nervosität unter seinen Leuten hatte ihn angesteckt, und er hatte sich in Rage geredet. Innerlich verfluchte er sich dafür, Shakey derart angefahren zu haben. Es war Bull, der mal wieder in seiner unnachahmlichen Art die Situation rettete: »Sir, ohne respektlos sein zu wollen, aber wir sind alle Soldaten.«
»Das sagte ich grade, Sarge.«
»Und demnach sind wir alle, auf die eine oder andere Art, Wichser.«
John blickte in die Runde und sah hier und da zögerliches Grinsen erscheinen.
»Bis auf Jamie«, warf Shakey mit einem anzüglichen Schnalzen ein. Sie selbst sagte nichts. An ihren Reaktionen hätte man nicht einmal ablesen können, ob sie den Witz verstanden hatte, aber Jon wusste, dass ihr nie etwas entging.
»Okay«, gestand er, dann wurde er ernst: »Jetzt ist aber Schluss mit der Filmkritik. Da draußen ist etwas, vermutlich ein Tier. Wir müssen es nur vor die Gewehrläufe bekommen. Denn wenn man darauf schießen kann …«
Er ließ das Ende des Satzes in der Luft hängen, und es dauerte nur einen Moment, bis einer ihn aufgriff: »Dann kann man es auch töten.«
»Genau. Und dann ist es gar nicht so schlimm. Rourke, Sie und Cao überprüfen die Sensoren. Kalibrieren Sie die Biester neu. Ich will, dass nichts an ihnen vorbei kommt, was größer als ein Hamster ist, verstanden?«
»Ja, Sir. Solange der Hamster keinen Tarnanzug trägt, kriegen wir ihn.«
Jetzt grinsten fast alle. Es war gut, aber nicht gut genug. Die Neuen zeigten ihre Zähne; einige hoben die Fäuste und schlugen sie aneinander, hier und da gab es ein leises »Yeah!«
Aber es waren nicht die Grünschnäbel, die John Sorgen machten. Die Handvoll Veteranen, die ihm geblieben waren, lächelten nicht. Er konnte ihre Unruhe spüren. Da draußen war etwas, so viel stimmte. Aber wenn das ein Tier ist, dann ist es verflucht clever. Zu clever.
Shakeys Geschichte war für den Moment vergessen, und John begann, die taktische Lage anhand seiner Karte im Dreck zu erläutern, teilte Teams ein und die wenigen Waffen zu. Als er sicher war, dass alle verstanden hatten, entließ er seine Leute zu ihren Pflichten.
Nur Bull blieb noch. Der Hybride legte seinen massigen Kopf auf die Seite und starrte aus seinen seltsamen, großen und seelenvollen Augen auf die Karte.
»Unsere Situation ist fubar, Sir.«
»Ich weiß, Sarge. Komplett fucked up. Aber wir können nur unseren Job machen und sehen, dass wir ihn richtig machen. Je weniger Leichensäcke wir am Ende brauchen, umso besser.«
»Ja.«
Der Hybride wandte sich ab, aber John hatte noch einen Befehl: »Und Bull, sorg dafür, dass Shakey seine Alien-Geschichten für sich behält. Schlimm genug, wenn die Rookies sich in die Hosen scheißen, aber bei dem Pack von Zivilisten können wir das gar nicht gebrauchen.«
Bull hielt inne, schien zu überlegen, dann nickte er.
»Ich kümmere mich darum, Sir.«
»Danke.«
John sah dem Hybriden nach, bis er nur noch ein gehörnter Schemen vor dem hellen Nachthimmel war. Dann trat er zwischen die Zelte und verschwand aus Johns Blickfeld. Der besah sich die Karte. Eine einzige abgefuckte Scheiße … also alles wie immer.
Laut sagte er: »Aliens. Na großartig …«
Lesen Sie weiter in:
Christoph Hardebusch –
»Missing in Action«
Ein Roman aus Markus Heitz’ JUSTIFIERS-Universum
Ab Herbst 2010 in allen Buchläden!